Leseprobe  Brief ohne Absender


Etwa fünf Minuten später stand man im Büro der Heimleitung, wies sich aus und begann mit den Fragen.

   »Frau Una, Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie von der Toten im Keller nichts wissen.« Nadine wurde lauter. »Hören Sie auf zu lügen!«

   Sandra Una, die blondgesträhnte Chefin, blickte Nadine Andres mit in ihrem Schoß gefalteten Händen an. Dabei vernahm sie das Ticken der Wanduhr. Fieberhaft überlegte sie, was sie sagen sollte. Nur nicht das Falsche. »Doch schon«, gab sie kleinlaut zu.

   Nadine schöpfte Hoffnung. Sie beugte sich, die Hände auf den Schreibtisch abstützend, zur Heimleiterin vor. »Ja und?«

   »Hach, na ja. Wissen Sie, wir wollten den Tod von Frau Falk nicht im Hause publik machen. Zu viele Todesfälle schaden unserem Ansehen. Das spricht sich rum. Am Ende wirft es ein schlechtes Licht auf uns.«

   Nadine traute ihren Ohren kaum, während Hufnagel ebendiese spitzte. Die männlich klingende Stimme von Frau Una überraschte ihn. »Das ist nicht Ihr Ernst. Mann, Sie sollten am besten wissen, dass jeder Todesfall zu melden ist. Glauben Sie mir, das hat ein Nachspiel. Wie lange wollten Sie das hinauszögern?« Die Kriminalistin stockte kurz. »Oder sollte es gänzlich unter den Tisch gekehrt werden?«

   »Wie bitte? Nein!«, entgegnete die Heimleiterin energisch.

   »Gut, lassen wir das. Meine Kollegen werden sich der Toten annehmen. Gibt es einen Totenschein?«

   »Nein, wir wollten bis morgen damit warten. Der Hausarzt kann vorher nicht kommen.«

   »Verstehe ich nicht«, begann jetzt auch Hufnagel zu sprechen. »Sie hätten doch einen anderen konsultieren können. Einen Totenschein, vorausgesetzt das Ableben erfolgte auf natürlichem Weg, kann jeder zugelassene Arzt ausstellen«, sprach er von sich überzeugt, indes die Heimleiterin zusehends nervöser wirkte.

   »Ich hoffe nur, dass die Frau nicht ermordet wurde. Dann haben Sie ein weitaus größeres Problem als ohnehin schon.« Nadine runzelte die Stirn.

   »Das weiß ich. Ich konnte doch nicht ahnen, dass …«

   »Ahnen was? Dass Sie sich damit strafbar machen?«, formulierte Nadine böse.

   Sandra Una nickte knapp.

   Nadine beließ es dabei, wählte stattdessen Selzers Nummer und bat ihm um ein schnelles Kommen.

 

 

Für eine ausführliche Leseprobe einfach auf das Buch klicken