Leseprobe Seite 99 Kein Mord verjährt


Nadine drehte den Wasserhahn zu, tauchte in den Schaum und schloss die Augen. Doch, statt sich nach dem Joggen zu entspannen, geisterten ihr wirre Bilder durch den Kopf. Eine Vermisste? Vielleicht hätte ich nachfragen sollen. Ohne es zu wollen, sprangen ihre Gedanken zurück zu Tim Wendel. Der Fall wollte nicht aus ihrem Kopf. Blieb noch das Ergebnis von Hendrick abzuwarten. Nadine ahnte nicht, dass er genauso unruhig war wie sie und wissen wollte, zu wem die Knochen auf seinem Tisch gehörten. Entgegen seiner Art, nochmals ins Büro zu gehen, tat er es im schwarzen Anzug.

   Hendrick zog sein Jackett aus, legte es über die Stuhllehne und krempelte die weißen Hemdsärmel hoch. Danach machte er sich umgehend an die Arbeit. Der Rechtsmediziner verglich die Zähne des Schädels mit den Ante-mortem-Aufzeichnungen des behandelnden Zahnarztes, die er von Nadine Andres erhalten hatte. Die in der Behandlungskartei aufgenommenen Kleinbildröntgenaufnahmen dokumentierte er mit den Aufnahmen, die er post mortem vom Gebiss gemacht hatte. Sein Fazit war eindeutig. Zweifelsohne handelte es sich bei dem Toten, dessen Knochen man gefunden hatte, um Tim Wendel. Das Rätselraten fand sein Ende.

   Hendrick faltete die Hände über den Bauch und lehnte sich zurück. Er schloss die Augen und fühlte einen brennenden Schmerz, den er dem wenigen Schlaf nachts zuvor zuschrieb. Er beugte sich vor an den Schreibtisch, griff zum Handy und wählte die Nummer der Kollegin. Wenigstens sie sollte aus erster Hand das Resultat erfahren.

Der Rechtsmediziner musste es mehrmals klingeln lassen, bis Nadine endlich abnahm. Nur mit einem Handtuch bekleidet, nannte sie ihren Namen und hatte ganz vergessen, aufs Display zu schauen. Um diese Zeit telefonierte sie meist nur mit Freunden. Mit Hendricks Anruf hatte sie nicht gerechnet und meldete sich dementsprechend flachsig: »Wer stört?«

   Hendrick musste schmunzeln. »Gevatter Tod«, antwortete er ebenso frech.

  Doch bis Nadine die Situation einzuschätzen vermochte, hatte er sich mit Namen gemeldet. Sie schluckte und befürchtete, worum es ging.

   »Sie hatten den perfekten Riecher, Frau Andres. Es ist der gesuchte Junge.«

   Mit dem Lob konnte Nadine nichts anfangen. Viel lieber hätte sie sich eine andere Antwort gewünscht. Andererseits nach so vielen Jahren konnte niemand mehr mit dem Auftauchen des Buben rechnen. Zumindest nicht ohne gesundheitliche Blessuren. »Ich dachte, Sie wollten ins Theater gehen«, versuchte sie, vom Ernst der Lage abzulenken.

 

 

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