Leseprobe Seite 99 Todesteufel


Wolfgang Tal war nicht mehr er selbst. Wie ein Hund schlich er in der Wohnung umher. Vergeblich suchte er nach Anhaltspunkten, die einen Hinweis darauf boten, wo sich Katharina aufhalten könnte. Die Angst, dass sie sich in einen anderen verliebt hatte, wurde für ihn zur großen Hoffnung. Hätte sie es getan, hätte er die Gewissheit, dass sie noch am Leben war. Am schlimmsten war die Ungewissheit. Wolfgang Tal schwebte zwischen Hoffen und Bangen. Vielleicht war sie auf ihrem Spaziergang, von dem er gewusst hatte, gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen. Womöglich war sie in den Bodensee gefallen und jämmerlich ertrunken. Für den Rentner schien es die einzig plausible Erklärung. Man hörte hier und da vom Verschwinden älterer Leute. Je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher wurde für ihn die Theorie eines Unfalls. Tagelang suchte Tal das Bodenseeufer nach ihr ab und fragte in der Kirchengemeinde nach, ob jemandem etwas Ungewöhnliches an seiner Frau aufgefallen sei. Auch die Bekannte, Frau Maier, mit der Katharina Tal angeblich noch ein Glas Sekt trinken wollte, bat er um Hilfe. Ausgerechnet an jenem unsäglichen Dienstag hatte Frau Maier mit einer Erkältung im Bett gelegen. Tal machte sich Vorwürfe, seine Frau nicht begleitet zu haben. Die Worte hätte und wäre wurden für ihn zum ständigen Weggefährten. Wäre ich nur mit ihr gegangen, dann hätte sie keinen Unfall erlitten.

   Seine Nächte wurden ruhelos. Er stand auf, ging zum Kühlschrank, trank etwas und legte sich wieder zu Bett. Dann schlief er ein paar Stunden, wälzte sich unruhig umher, bis der Albtraum von Neuem begann. Der Rentner nahm sich kaum mehr Zeit zum Essen und musste mit Erschrecken feststellen, dass er sich in der eigenen Küche nicht auskannte. Für gewöhnlich hielt seine Gattin hier das Zepter in der Hand. Tal verlor zudem an Gewicht.

   Die Feiertage im Kreise seiner Kinder konnten Wolfgang Tal nicht über den Verlust der Frau hinweghelfen. Zwar bemühten sich die Töchter, ihn auf andere Gedanken zu bringen, doch von Festtagslaune und gutem Essen wollte er nichts wissen. Nach den jeweiligen Pflichtbesuchen ging er nach Hause und schaute in aller Abgeschiedenheit einige Male zu sehr in die Flasche. Er ließ sich gehen, wusch sich nur noch sporadisch und verbrachte den Tag lieber im Pyjama statt in alltagsgerechter Kleidung. In der Küche türmte sich längst das schmutzige Geschirr. Selbst die Fenster hielt er weitestgehend geschlossen. Die Sache mit seiner Gattin hatte sich schnell in der Straße herumgesprochen. Darüber hinaus fühlte sich Tal durch seine Nachbarin beobachtet, die täglich von ihrem Fenster aus zu ihm hinüberblickte. Sie hoffte wohl, Neues zu erfahren, um es in der Nachbarschaft herumzuerzählen. Die Langeweile hatte auch diese Rentnerin fest im Griff.

 

 

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