Leseprobe Seite 99 Undercover auf Sylt


Irgendwo in Kampen

   Nachdem Charlotte die Messingklingel ohne Namensschild betätigt hatte und eine Männerstimme sie fragte, worum es ginge, begann sie zu drucksen, weil ihr auf die Schnelle keine Notlüge einfiel. Maria, die dicht neben ihr stand, konnte es nicht fassen und fing an, sie zu stoßen. »Menno, erzählen Sie dem irgendwat. Hauptsache, wir kommen in den alten Kasten rein.« Womit sie das altehrwürdige Anwesen meinte, was in seiner Dimension die anderen Häuser auf Kampen übertraf.

   Dass der Mann, der sie die ganze Zeit mit der Kamera beobachtet hatte, alles mitbekam, wussten sie nicht, ebenso wenig, dass er einen eigenen Plan schmiedete. »Ach, jetzt fällt es mir ein«, begann er zu lügen. »Madame Tschekow erwähnte etwas von zwei Damen, die der Versteigerung noch beiwohnen möchten. In diesem Fall heiße ich Sie herzlich willkommen.«

   Charlotte schaute Maria an und Maria Charlotte. Wären sie jünger gewesen, sie hätten wohl die Hände aneinander geklatscht. »Ja, es tut uns leid, unser Zug hatte Verspätung. Ich hoffe, das macht nichts.« Man freute sich über das vermeintliche Missverständnis.

   Ausgezeichnet, je mehr Bieter, desto größer mein Profit, dachte Moblier und öffnete das gusseiserne Tor.

   Maria hakte sich bei Charlotte ein, wohl aus Angst, etwas zu erleben, was sie nicht mochte, während sich die andere ebenso misstrauisch zeigte. »Maria, wir sollten uns in Acht nehmen. Angenommen, man handelt hier mit Kunst, würden Sie dann einem Fremden so leichtfertig die Tür öffnen?«

   Maria blieb abrupt stehen. »Sie haben den Mann doch jehört. Der Jute glaubt, wir wären Gäste.«

   »Maria! Sie sind doch sonst nicht so begriffsstutzig. Genau wie wir ihn gehört haben, hat auch er jedes unserer Worte verstanden. Das Ganze ging mir zu unkompliziert vonstatten. Da stimmt etwas nichts. Also schön beieinanderbleiben«, gab Charlotte von sich.

   Man lief über einen mit Kieselsteinen befüllten Weg, der den Damen ewig erschien.

   »Mein Korridor war früher jerade mal drei Meter lang. Dieser Trampelpfad ist größer als eine Hundertmeterstrecke. Dit läuft sich wie uf Eiern. Da ruiniere ick mir die Pumps«, tat Maria pikiert.

   »Das ist jetzt nebensächlich«, flüsterte Charlotte böse. »Benehmen Sie sich! Lassen wir uns überraschen. Und immer schön die Augen offen halten. Wir suchen nach zwei Ausländern, die möglicherweise hier zu Gast waren. Und wer weiß, wahrscheinlich befindet sich der Mörder sogar in der Nähe. Also einatmen und rein ins Abenteuer. Bereit?«

   »Bereit!«, zischte die andere.

   Man drückte die Handtaschen fest an sich, schaute sich konspirativ um und holte tief Luft.

   Die Tür stand offen, daher trat man ein.