Leseprobe Seite 99 Zeit voller Zorn


»NEIN!«, schrie Katharina Tal und sah einen spitzen Gegenstand auf sich gerichtet. Es brauchte nicht viel, um zu wissen, dass es ein Messer war. Die Angst fühlte sich an wie eine Krankheit, von der man wusste, aber nicht, wie sie wieder verschwand.

   Schwer atmend kam jemand auf sie zu. Die Dunkelheit gab den Unbekannten nicht preis.

   Katharina Tal hatte nur einen Gedanken im Kopf. JETZT würde er es tun. War es Mitternacht oder Nachmittag oder irgendwann in den frühen Morgenstunden? Längst hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren. Eine Minute wurde für sie zu einer Ewigkeit.

   »Stehen Sie auf!«, vernahm sie eine Stimme rufen. War sie männlich oder weiblich? Nach der Tiefe zu urteilen, männlich. Zumindest hatte sie die hier noch nie vernommen. Die ihres Peinigers kannte sie. Haftete sie doch in ihrem Unterbewusstsein. Aus Hunderten hätte Frau Tal sie wiedererkannt.

   »Iiich ... ich kann nicht«, stotterte Frau Tal.

   Jemand riss sie hoch. »Doch Sie können!«, kam es wütend zurück. »Sie wollen doch sicher erfahren, was wir mit der anderen gemacht haben, oder?« Es war der Unbekannte, der zu ihr sprach.

   Frau Tal nahm allen Mut zusammen und fragte: »Andere? Ich verstehe Sie nicht. Welche andere?« Gleichzeitig spürte sie ihre Knochen vom unbequemen Lager schmerzen.

   Eine noch nicht vertraute Stimme antwortete: »Er meint die Frau, die das Gleiche durchgemacht hat wie Sie. In wenigen Minuten werden Sie es verstehen. Diese Frau sollte am eigenen Leib spüren, was man dabei fühlt. Einst erging es unserem ...« Der Fremde unterbrach den Redner, in dem er ein Weitersprechen verbot. »Sie wird es erst in der Stunde ihres Todes erfahren. Vergiss das nicht!«

   So sehr sich Katharina Tal anstrengte, außer zwei Umrisse konnte sie nichts erkennen. Der Unbekannte zeichnete sich deutlich durch seine Statur von der anderen Person ab. Der Schatten an der Wand verriet es ihr.

   Katharina Tal bemühte sich um Fassung, doch in der vermeintlichen Stunde ihres Todes sprudelte die Angst nur so aus ihr heraus. Tränen benetzten ihre Wangen. Zumindest jetzt hoffte sie auf Mitleid.

   »Hören Sie auf mit Ihrem Kleinmädchengetue, das zieht bei uns nicht«, schrie der Fremde. »Unrecht tun gedeihet nicht.«

   »Lass sie!«, mischte sich die andere Person ein. »Sie soll endlich kapieren, warum sie sterben muss. Wie diese Studentin. Dann wird sie bereuen.«

   »Bitte!«, schluchzte Frau Tal. »Ich weiß nicht, was Sie meinen. Was habe ich getan? Was nur?«

   »Glauben Sie tatsächlich, Sie wären unschuldig? Andere zu quälen, gehörte gewissermaßen zu Ihrer Lieblingsbeschäftigung.«

 

 

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